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Bist du bereit, das Spiel zu überwinden? Ist das Leben eine Simulation?

5. Sept.
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 6. Sept.

„Das Spiel schafft Ordnung, es ist die Ordnung selbst.“ – Johan Huizinga


In letzter Zeit wurden zwei Werke veröffentlicht, die die Tatsache widerspiegeln, dass das Leben ein Spiel ist. Eines davon ist die aufsehenerregende koreanische Netflix-Serie Squid Game, das andere der Film Free Guy.


Squid Game ist eine Serie, die die Pornografie der Gewalt widerspiegelt und über die man ganze Bücher schreiben könnte. Sie erzählt die Geschichte von Protagonisten, die in einer spielerischen Ordnung ums Überleben kämpfen. Die Menschheit, die durch Überschwemmungen, Waldbrände, Migrationswellen und die ständige Angst während der Pandemie traumatische Zeiten erlebt hat, fühlt sich davon magisch angezogen; nicht umsonst steht die Serie in den Netflix-Charts weltweit auf Platz eins. In diesem Beitrag werden wir uns jedoch nicht auf diese bereits viel diskutierte Serie konzentrieren, sondern auf den Gedanken, dass das Erscheinen solcher Werke – die das Leben als Spiel betrachten – eine Reflexion unseres kollektiven Bewusstseins ist. Was denkst du, ist das nur ein Zufall?


‚Free Guy‘ und das Simulationsuniversum

Um meinen bescheidenen Beitrag zum Erwachen der Menschheit zu leisten, arbeite ich ausgehend von meinem Buch ‚Erwecke den Helden in dir‘ (im Original: Rol Arkadaşım Olur musun?) an einem Website- und App-Projekt. In den Besprechungen für diese Projekte nehmen wir oft den Film Free Guy als bestes Beispiel für die Themen, die mir besonders am Herzen liegen.


Hinweis: Bevor wir in die Tiefen des Films eintauchen, empfehle ich dir meine Artikel mit den Titeln „Simulationsuniversum 1“ und „Simulationsuniversum 2“, die ich für die Zeitung Şalom verfasst habe. Diese früheren Texte werden dir ein breiteres Verständnis für das Gesamtkonzept vermitteln.


Unter der Regie von Shawn Levy, der bereits mit der Serie Stranger Things große Erfolge feierte, kam Free Guy Mitte August in die Kinos. Der Film mit Ryan Reynolds und Jodie Comer in den Hauptrollen erzählt vom Erwachen und Freiheitskampf eines Protagonisten, der entdeckt, dass er nur ein gewöhnlicher Hintergrundcharakter in einem weltweit beliebten Videospiel namens „Free City“ ist.


Die Metapher der Gewöhnlichkeit: Der Fisch im Glas

Unser Held ist ein Bankangestellter namens Guy. Guy ist jemand, der jeden Tag dasselbe Hemd trägt, auf dieselbe Weise aufwacht, denselben Kaffee bestellt, zur selben Arbeit geht und keine Überraschungen zu erwarten hat. Jedes Mal, wenn das Spiel gestartet wird, beginnt unser Held seinen Tag auf exakt dieselbe Weise – genau wie Dolores in der Serie Westworld. Eines der ersten Dinge, die er tut, ist die Begrüßung seines Goldfisches im Glas, was eine perfekte Metapher für seine eigene Situation darstellt.


Auf den Straßen von „Free City“, wo Verbrechen aller Art begangen werden und Gesetzlosigkeit sowie Gewalt herrschen, sind diejenigen, die „keine Sonnenbrillen tragen“ – also Guy und ähnliche gewöhnliche Charaktere – dazu verdammt, im Hintergrund zu bleiben. Ihre Existenz ist nicht wichtiger, als Lücken zu füllen. Von den Bürgern von Free City wird lediglich erwartet, dass sie sich dem System anpassen und keine Fragen stellen.


Das Erwachen und die Heldenreise

Doch Guys gewöhnliches Leben ändert sich schlagartig, als er Millie sieht, die als Avatar aus der realen Welt in das Spiel eingetreten ist. Seine Reise auf der Suche nach der Liebe oder der „Heiligen Weiblichkeit“ (Kundalini) ist der erste Funke, der ihm die Augen öffnet und ihm Bewusstsein verleiht.


Dieser Prozess der Bewusstwerdung ist eine perfekte Widerspiegelung des Konzepts der „Heldenreise“ von Joseph Campbell, das ich auch in meinem Buch ausführlich beschreibe. Mit dem Aufsetzen der Sonnenbrille, also seiner Erleuchtung, erkennt er, dass die Welt, in der er lebt, eigentlich nur ein Computerspiel ist. Mit der Erschütterung seiner Realitätswahrnehmung verändert sich Guys Welt völlig, und sein Leben wird zu einem aufregenden Abenteuer, um das Spiel zu überwinden.


Homo Ludens: Der spielende Mensch und die Konstruktion der Ordnung

Lange bevor Yuval Noah Harari sein Buch Homo Deus schrieb, erschien 1938 ein Werk, das großes Aufsehen erregte und dessen Wirkung bis heute anhält: Homo Ludens, also „der spielende Mensch“.


Der niederländische Philosoph und Historiker Johan Huizinga stellt in seinem Buch dem Homo sapiens (dem wissenden Menschen) und dem Homo faber (dem werkzeugherstellenden Menschen) den Homo ludens (den spielenden Menschen) gegenüber. Für ihn ist das Spiel älter als alle Handlungen und sogar älter als die Kultur selbst. Das Spiel ist kulturschaffend, und tatsächlich ist jede Ordnung auf Spielen aufgebaut.


Der weltberühmte Dramatiker William Shakespeare fasst diese Situation in seinem Gedicht „Die sieben Alter des Menschen“ aus dem Werk Wie es euch gefällt folgendermaßen zusammen:


„Die ganze Welt ist Bühne, Und alle Fraun und Männer bloße Spieler. Sie treten auf und gehen wieder ab, Sein Leben lang spielt einer manche Rollen, Durch sieben Akte hin.“

Von der alten indischen Philosophie zur Matrix: Lila (Das göttliche Spiel)

Shakespeares Worte, die die Welt als eine Bühne betrachten, stimmen exakt mit der alten indischen Philosophie überein. Dieser Philosophie zufolge ist der gesamte Kosmos eine gigantische Bühne, auf der Gott sein Spiel spielt, damit der Mensch aus dem Kreislauf von Schmerz und Freude – Samsara genannt – heraustreten und die Erleuchtung erlangen kann. Dieses Konzept wird im Sanskrit als „Lila“ bezeichnet, was Spiel und Drama bedeutet. Wir können es kurz als „Göttliches Spiel“ definieren.


In vielen Kulturen und Regionen der Welt, allen voran in Indien, wurde davon gesprochen, dass das irdische Leben eine Illusion, ein Spiel sei.


  • In der anatolischen Sufi-Kultur wird das Leben als ein Traum beschrieben.


  • Im antiken Griechenland erzählt Platons Höhlengleichnis von einer ähnlichen Illusion.


  • Im modernen Kino präsentieren Filme wie Inception und Matrix dieses Konzept mit einem technologischen Unterbau.


Das digitale Zeitalter, in das wir eingetreten sind, ist die absolute Widerspiegelung all dieser uralten Konzepte.


Fazit: Zeit aufzuwachen

Die Spielregeln des Lebens werden nach der virtuellen Realität neu gestaltet, und die Grenze zwischen der Simulationswelt und der Realität verschwimmt zunehmend. Der aktuelle Prozess und diese Werke erinnern an einen Weckruf (Weckdienst) in einem Hotel!


Die eigentliche Frage lautet also: Bist du bereit aufzuwachen und das Spiel zu überwinden?



  • Was bedeutet der Begriff Homo Ludens?

    Ein vom niederländischen Philosophen Johan Huizinga in die Literatur eingeführter Begriff, der aus dem Lateinischen stammt und „der spielende Mensch“ bedeutet. Laut Huizinga ist der Mensch nicht nur ein denkendes Wesen, sondern eines, das im Grunde spielt und seine Ordnung auf dem Spiel aufbaut.


  • Was sind Lila und Samsara?

    In der indischen Philosophie ist Samsara der Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt (Schmerz und Freude) der Seele. Lila ist der philosophische Ansatz, der die Erschaffung Gottes oder des Universums als ein „Spiel“ oder „kosmisches Drama“ betrachtet, das für die Erleuchtung des Menschen entworfen wurde.


  • Was ist die Heldenreise (Hero's Journey)?

    Ein von Joseph Campbell definiertes universelles Erzählschema. Es beschreibt, wie ein Charakter seine gewöhnliche Welt verlässt, ein Erwachen bzw. einen Kampf erlebt und schließlich verwandelt in seine Welt zurückkehrt.


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